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Sonic Charge Synplant: Der Test

Der geheime Klang der Pflanzen
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Seit der Entstehung von Synthesizern sind eine Menge unterschiedliche Synthesearten aufgetaucht. Dasselbe kann andererseits nicht über die Herangehensweise an Arbeitsfluss und Bedienoberfläche gesagt werden...

Seit der Entstehung von Synthesizern sind eine Menge unterschiedliche Synthesearten aufgetaucht. Dasselbe kann andererseits nicht über die Herangehensweise an Arbeitsfluss und Bedienoberfläche gesagt werden. Bei Synplant hat der Hersteller Sonic Charge seine Inspiration der Welt der Pflanzen entnommen. Die Art und Weise in der Pflanzen wachsen diente als Vorlage um eine neue Art der Klangerzeugung zu entwickeln. Reines Marketing oder Innovation?

Übersicht

OuvertureZuerst muss einmal über Synplant gesagt werden, dass es sich hier um ein AU und VST Plug-In für Mac und PC handelt. So weit so gut. Aber schon bald befinden wir uns in einer ungewohnten Umgebung. Zuerst einmal ist das Interface ziemlich minimal ausgelegt: Eine grosse runde Anzeige die 'Bulb' (so viel wie 'Glühbirne') genannt wird und von 12 Tasten umgeben ist, die für die Halbtonschritte einer Oktave stehen. Dazu stehen einem noch ein Patch Selector/Browser, 7 Slider und 4 Knöpfe zur Verfügung – das wär's. Das Plug-In generiert wie folgt seinen Sound: Man 'pflanzt' einen 'Seed' (Samen) in der Mitte der 'Bulb' Anzeige und lässt Zweige aus diesem Samen wachsen (kein Witz). Ziemlich originell, oder?

Versuchen wir's doch mal. Ein Klick in die Mitte des Bildschirms und ein Samen erscheint – gleichzeitig wird ein kurzer Sound wiedergegeben (jeder Samen besitzt seinen eigenen speziellen Sound). Man kann auch über Rechts-Klick ein Menü öffnen, das unter anderem die gleiche Funktion bietet (dazu später mehr). Um sicher zu gehen kann man immer den Namen des Samens aufschreiben (um dem botanischen Thema treu zu bleiben haben sie ein paar ziemlich komplizierte Namen gewählt), aber man kann keinen direkt anwählen. Neue Samen werden immer per Zufall gewählt. Eine Lösung: Einen Samen öffnen und als Preset speichern ohne an den Einstellungen etwas zu verändern. Dies kann man in einem separaten Ordner machen. Nur so zur Relation: Nachdem ich 215 Samen erzeugt hatte (wow...) waren nur vier davon Duplikate (gleicher Name, aber nicht gleicher Sound). Die Klangerzeugung ist komplett und vollkommen zufällig.

Aus dem Samen wachsen also 12 Zweige (im Plug-In 'Branches' genannt). Jeder davon korrespondiert mit den Halbtönen die ausserhalb der 'Bulb' Anzeige angelegt sind. Wenn die Zweige am kleinsten sind, dann ist ihr Klang mit dem Samen identisch. Eine der Hauptprinzipien von Synplant ist es die Zweige in Echtzeit zu verlängern um einen anderen Klang zu erhalten.

 

 

 

 


Sonic Charge Synplant: Der Test

Organische Kreation

Menu seedDer erste interessante Punkt: Jeder Zweig erzeugt seinen eigenen Sound. Je weiter weg der Zweig vom Samen wächst desto markanter wird dieser Unterschied. Somit kann man für jeden Halbton einen eigenen Sound 'wachsen' lassen oder ihn für die ganze Oktave gleich lassen. Zweiteres wird durch einen Rechtsklick auf einen Ast bewerkstelligt. Durch die Funktion 'Clone Selected Branch' werden alle anderen Halbtöne durch die Klangfarbe des ausgewählten ersetzt.

Eine andere Option: Jeder Zweig wird zum Samen. Wenn man einen Zweig findet der einem gefällt, dann kann man ihn über das Menü und die Funktion 'Plant Chosen Seed' als neuen Samen pflanzen. Der neue Samen wird den Grundklang des Zweigs beibehalten und die anderen 11 Zweige werden ihren eigenen Sound erzeugen. Dies bedeutet (zumindest theoretisch), dass die Klangerzeugung nahezu endlos und extrem vereinfacht ist! Pflanzen, wachsen lassen, einen Klon erstellen, wieder pflanzen, wieder wachsen lassen, etc.

Um die Anzeige ('Bulb') herum befinden sich ein paar Slider mit denen sich bestimmte Parameter einstellen lassen: Stimmung, Atonality (womit der Klang entweder atonal oder voll temperiert gemacht wird), Release (was nicht bei allen Samen etwas bewirkt, da gewisse sehr kurze Sounds erzeugen), Effect Level (Variabel und zufällig wie alles andere – mit Hall, Echo, Chorus, ect.).

SynplantDann gibt es den Regler mit dem Namen 'Wheel Scaling' über den man Zweige auf Wunsch wachsen oder schrumpfen lassen kann. Schliesslich stehen noch die Funktionen Velocity Sensitivity, Master Volume und Rotation zur Verfügung – letztere erlaubt es die Zweige anderen Halbtönen zuzuweisen.

Ein paar Beispiele um die Dinge zu vereinfachen: Lasst uns zuerst einen Samen mit dem Namen Dolens Pateo pflanzen und einen Akkord spielen. Dann drehen wir über das Mod Wheel an der Funktion 'Wheel Scaling' um die Zweige wachsen zu hören (ja, ja – tönt schon ein bisschen lächerlich...). Dann variieren wir jeden Zweig separat. Sagen wir mal, dass wir den zweiten bei etwa zwei Drittel Grösse optimal finden. Wir klonen ihn über die Funktion 'Clone Selected Branch' auf alle anderen – hier ist derselbe Akkord mit dem neuen Klang. Dann bewegen wird das das Mod Wheel abermals. Jetzt muss man nur noch das Preset speichern.

Für das zweite Beispiel machen wir einen Samen aus dem G# Zweig (denjenigen den wir im ersten Beispiel modifiziert haben) und pflanzen ihn über das 'Plant Chosen Seed' Menü. Hier ist der Akkord mit dem neuen Sound. Und derselbe Akkord mit dem Mod Wheel ganz oben. Wie man hören kann verändert sich der Sound abermals. Dies kann man unendlich wiederholen. In verschiedenen Zweigen der ersten und zweiten Beispiele sind viele Sounds und Geräusche brauchbar. Hier ist ein weiteres Beispiel: ein ausgehaltener Akkord der nur durch das Mod Wheel und die Atonality Funktion modifiziert wurde.

All dies demonstriert die zufällige Seite des Synthesizers. Keine spezifische Richtung oder Zielvorgabe – man folgt und reagiert auf das was man hört. Es hält einen aber nichts davon ab über die Manipulate Genes Funktion den Klang zu verfeinern oder präzisieren.

 

 

Synplant

Synplant

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Sonic Charge Synplant: Der Test

Die DNA editieren

Manipulate genesWenn man das DNA Menü öffnet (über den dafür vorgesehenen Menüpunkt oder via Rechtsklick + 'Manipulate Genes'), dann trifft man auf eine schön gemachte DNA-ähnliche Spirale, die einem diesen Synthesizer noch näher bringt. Hinter dieser ungewöhnlichen Fassade findet schliesslich eine Menge komplizierter Synthese statt.

Zwei Oszillatoren (A und B) die über einen eigenen Noise Generator verfügen werden durch einen Filter geschickt. Oszillator B besitzt zudem einen Sub-Oszillator und einen Sample&Hold. Jeder Oszillator kann alle einfachen Formen erzeugen (Sinus bis Puls). Komplexe Wellenformen werden über additive Synthese oder FM Synthese realisiert (B kann A modulieren).

Die Oszillatoren werden dann durch zwei parallel arbeitende Filter mit Resonanz geschickt. Es braucht ein bisschen Zeit bis man sich an diesen Doppel-Filter gewöhnt hat, da die Cutoff Frequenz von der Frequenz abhängt die Oszillator A generiert.

Die gleiche Lernkurve gibt es bei der Hüllkurve (eine pro Stimme – für Volumen und Modulationen gleich), da man dort nicht auf die klassischen ADSR oder AHDSR Einstellungen trifft. Stattdessen stehen dem Anwender die 'Shaper Env' und 'Env Generator' Menüpunkte zur Verfügung über die folgende Werte eingestellt werden können:

- 'env tilt': beinhaltet Attack und Decay mit separaten Volumenwerten ('vol atk' und 'vol dcy')
- 'env loop': das 'Loopen' der ersten zwei Elemente
- 'env time': die Länge der Hüllkurve ohne Sustain und Release
- 'release': wird durch 'vol sus' ergänzt wodurch der Sustain Wert des Klangs eingestellt wird
Dies ist anfangs ein wenig verwirrend, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Dennoch wäre ein wenig einfacher schön gewesen. Auch hätte es dem Plug-In gut getan zwei separate Hüllkurven für Volumen und Modulation zu haben – man kann aber den Einfluss der Hüllkurve über diese beiden Werte individuell einstellen. Das sollte wahrscheinlich genauer erklärt werden: Man kann zwar nur eine Hüllkurve 'zeichnen', aber man kann unterschiedliche Attack und Decay Werte für Sustain und Volumen einstellen. Dies ist eine der Einstellungen, die man am meisten verändern wird. Fast alle anderen Einstellungen können direkt über die normale Benutzeroberfläche verändert werden – deshalb der Wunsch nach einer einfacheren Lösung. Eine gute ADSR Hüllkurve ist eigentlich immer die beste Lösung...

Help menuWas Modulationen betrifft so bietet Synplant eine fast auf jeder Stufe in den meisten Einstellungen (Filter, Pitch, Sample&Hold, FM, Velocity, etc.). Zuerst über die Hüllkurve, dann über das direkte Ansprechen auf Velocity, gefolgt von einer weitere Sample&Hold Stufe und einem LFO (Sinus). Zuletzt ist da noch ein Effekt in dem Hall und Chorus kombiniert werden und die Länge, Dichte, Decay, Chorus und Mix eingestellt werden können.
Dazu kommt MIDI Learn für alle Parameter auf der Benutzeroberfläche, Laden/Speichern/Ändern von MIDI Presets, ein präzises Pitch Bend, eine Bedienanleitung beim Aufstarten und ein interaktives Help-Menü im 'Manipulate Genes' Fenster – eigentlich alles was man braucht um ernsthaft Sound zu produzieren.

 

 

 

 


Sonic Charge Synplant: Der Test

Fazit

Es besteht kein Zweifel, dass sich Originalität bezahlt macht. Zuerst einmal zeigen die Presets, dass man alle Arten von Klängen erzeugen kann. Vom typischen FM 'Pluck' (mit Mod Wheel Effekten) zu geisterhaften Chören, von einem Pseudo-Rhodes zu einem instabilen Pad Sound, von einem klassischen Lead Sound zu einem Progressive Pad...und all das mit den Überraschungen die mit dem Mod Wheel erzeugt werden können.

Was aber diesen Synthesizer wirklich interessant macht ist die Klangerzeugung selber. Er zwingt einen wirklich seine ganze Herangehensweise zu überdenken. Es ist mehr wie eine Reise als an Frequenz, Timbre, Tonhöhe und andere Werte zu denken. Wenn man einmal diesen Punkt akzeptiert hat, dann muss man schon schnell zugeben, dass die Benutzeroberfläche einfach nur genial ist. Was den Klang betrifft so trifft man nicht häufig auf neue Sounds die unbrauchbar sind (ein paar schon – aber nicht viele). Wenn man diesen Synthesizer sieht könnte man schon schnell zu so einer Annahme kommen. Es gibt immer eine Richtung die man in einem der Zweige erforschen könnte.

Ein paar kleine Mängel wie die unnötige 'Komplexität' der Hüllkurve oder die etwas unübersichtlichen Filter nehmen einem auf keinen Fall die Freude am Arbeiten mit Synplant. Mit diesem Plug-In generiert man eine Menge neue Sounds und erhält viele neue Ideen für Kompositionen. Also pures Marketing oder doch Innovation?

 

Innovation – Hut ab für Sonic Charge.


Konzept
Originelle Benutzeroberfläche
Sehr gut durchdachte Benutzeroberfläche
Sehr innovativ
Klangqualität
Qualität der Oszillatoren
Samen ('Seeds') werden durch Zufall erstellt
Dichte und Vielfalt der Sounds
Die Möglichkeit Sounds im Detail zu verfeinern
Zahlreiche Modulationen
Eine Menge Presets
MIDI Learn
Geringe CPU Belastung
Interaktive Hilfe
Der Preis

 


Das 'Manipulate Genes' Interface ist manchmal etwas unklar
Nur eine Hüllkurve
Wieso keine ADSR?
Die Filter und die Hüllkurve sind nicht so leicht verständlich
Kein Aftertouch