Audient MICO
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Audient MICO

MICO, Transistor-Vorverstärker from Audient.

public price: 479 € HT
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Audient's Mico: Der Test

Der Mico Dual Vorverstärker
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Wenn eine seriöse Marke wie Audient einen Mikrofon-Vorverstärker herausbringt der zwei Eingänge, eine Röhrensimulation, stufenlose Phasenregelung und digitale Ausgänge für etwa $1'100 bietet, dann könnte dieses Produkt  so manchen Besitzer eines Heimstudios interessieren.

Wenn eine seriöse Marke wie Audient einen Mikrofon-Vorverstärker herausbringt der zwei Eingänge, eine Röhrensimulation, stufenlose Phasenregelung und digitale Ausgänge für etwa $1'100 bietet, dann liegt es auf der Hand anzunehmen, dass dieses Produkt  so manchen Besitzer eines Heimstudios interessieren könnte. Die Frage ist nur: Enttäuschung oder Offenbarung?

MicoDer 'Mico' genannte Vorverstärker ist eine halbe Höheneinheit gross – es können also theoretisch zwei Geräte auf 1U im Rack verbaut werden. Es ist ein kompaktes und leichtes Produkt das in einem kleinen Heimstudio nicht viel Platz wegnehmen wird – und zudem noch leicht zu transportieren ist.

Bei dieser Grösse wird es selbstverständlich mit einem externen Netzteil gespiesen – es gibt aber zum Glück keinen fummeligen Adapter. Das Netzteil verfügt über ein schön langes Kabel und ein solider Stecker speist das Gerät mit Strom. Schade hat Audient dem Gerät keine Schutzbügel auf der Vorderseite geschenkt – auch wenn sie abnehmbar gewesen wären. Das hätte sicherlich geholfen die Potis während des Transports zu schützen. Es würde diesen Schutz auf jeden Fall verdienen: Es verfügt über ein professionelles Aussehen ohne die üblichen Entbehrungen. Mit seiner matten, metallenen Vorderseite, seinen aus Chrom gefertigten Potis und den hell beleuchteten Knöpfen ist das Mico sehr schön gefertigt – ja sogar elegant.

Eine Vielzahl an Verbindungen

MicoAuf der Rückseite finden sich zwei Combo XLR/Klinke Eingänge, zwei XLR Eingänge, ein digitaler XLR Ausgang für AES/EBU, sowie S/PDIF, Toslink und WordClock. Der Mico hat seinen eigenen A/D Wandler und gibt Signale analog und digital aus. Die Sampling-Frequenz kann auf der Rückseite auf 44.1, 48 und 96kHz, oder auf den 'Slave Mode' eingestellt werden. Die anliegenden Schalter dazu sind ziemlich klein und hätten zudem besser auf die Vorderseite gepasst. Wenn das Gerät extern synchronisiert über WordClock läuft kann die Frequenz bis auf 192kHz gestellt werden. Wie man sieht bietet der Mico eine grosse Flexibilität und lässt sich leicht in bestehende Systeme integrieren. Zu bemängeln gibt es dennoch die Absenz von Inserts – zum Beispiel wenn man beim Aufnehmen einen Limiter einschlaufen möchte.

Es gibt einen weiteren Eingang auf der Vorderseite: einen DI Eingang um direkt eine hochohmige Gitarre oder Bass anzuschliessen. Sobald man ein Kabel mit dem DI Eingang verbindet werden die XLR und Line Eingänge auf der Rückseite ausgeschaltet. Ansonsten sind die beiden Kanäle identisch. Sie besitzen beide Chrome Potis – der linke für die Gain Regelung, der rechte für die eingebaute Röhrensimulation, bzw. die stufenlose Phasenregelung. Es gibt Knöpfe für 48V Phantomspeisung und ein -10dB Pad (leider nicht für DI Eingang). Zwischen den beiden Potis befindet sich eine Pegelanzeige mit drei gelben LEDs (-36, -12, -6 dB) und einer roten LED für 'Clipping'. Dies ist natürlich bei weitem nicht so genau wie eine analoge Nadel-Anzeige, aber für den Einsatz reicht dies vollkommen. Unter den LEDs befinden sich noch zwei Knöpfe für einen Low-Cut Filter (40Hz, 80Hz und 120Hz wenn beide zusammen gedrückt sind). Schliesslich verfügt das Gerät noch über eine Phasenumkehrung und einen Knopf zur Einschaltung der Röhrensimulation.

Alles ist sehr klar angeschrieben, leicht zu lesen und einfach zu bedienen. Die leuchtenden Knöpfe erlauben eine gute Übersicht über die eingeschalteten Funktionen. Da die Knöpfe jedoch etwas eng aneinander liegen muss man sich schon ein wenig an die Bedienung gewöhnen – dies ist aber kein wirklich grosser Mangel und man darf nicht vergessen, dass all dies auf einen halben Höheneinheit Platz hat.

Dennoch gibt etwas zu bemängeln: Die Potis sind etwas zu leicht zu verstellen. Und da sie nicht rund, sondern nach vorne flach sind muss man beim einpegeln seine Hand drehen. So passiert es immer wieder mal, dass man dabei einen der anderen Potis aus versehen verstellt. Seit also vorsichtig!

Der Klang

Bevor ich mich den speziellen Merkmalen widme sollten wir mal über den Grundklang des Mico reden. Die Antwort: wirklich sehr schön. Der Klang ist klar und durchsichtig ohne übertrieben kalt zu wirken. Man könnte ihm am ehesten mangelnden Charakter vorwerfen – aber ist dies wirklich ein Fehler? Für mich tönte der Vorverstärker ein wenig wie ein Produkt von RME – vielleicht ein Spürchen wärmer. Hinzu kommt noch ein exzellent tiefes Grundrauschen.

Und wenn man die Wärme oder Färbung etwas anheben möchte, dann gibt es ja noch HMX.

HMX: Röhre oder nicht?

HMX ist eine Schaltung die einem Signal Harmonien hinzufügt um dem Klang mehr Tiefe und Farbe zu geben – ähnlich einer gesättigten Röhre. Es ist äusserst effektiv! Sobald HMX aktiviert ist – sogar wenn das Poti noch auf Null steht – kann man den Unterschied hören. Der Klang wird geformt und wunderschön gefärbt – je weiter man das Poti auf dreht desto schneller wird das Signal angezerrt. Ich habe jedoch keine Vielzahl an unterschiedlichen Färbungen gefunden, denn wenn man das HMX Poti zu sehr ausdreht schwappt das Signal schnell in einen für meinen Geschmack undefinierten und verwaschenen Klang über. Man kann HMX für einen schnellen Effekt einsetzen, dennoch ist diese Schaltung bei weitem nicht für alles geeignet. Zu viel ist nie wirklich gut.

Dennoch bietet HMX auf dem Minimum eingestellt grossartige Resultate und das Signal gewinnt definitiv an Präsenz und Tiefe. Bleibt zu bedenken, dass HMX nur auf dem ersten Kanal angewendet werden kann.

Klangbeispiele

Alle Beispiel wurden in 44.1kHz über den S/PDIF in ein RME Multiface geschickt. Neben der Konvertierung in MP3 wurde das Signal nicht weiter bearbeitet.

Beispiel 1: Stereo-Aufnahme einer Bouzouki mit einem AKG C414 einer CMC Shoeps MK4 Kapsel mit einer graduellen Veränderung der Phase während der Aufnahme. Dies ist eine Kombination der beiden Spuren wo man den Effekt gut hören kann. Bouzouki AKG414 und Bouzouki ShoepsCMC5 sind die beiden Mono Spuren separat.

Beispiel 2: Dies ist die Bouzouki direkt in den DI Eingang und dem C414 auf dem zweiten Kanal. Hier kann man sich die beiden Signale in Stereo anhören.


Beispiel 3: Diese Stimme wurde mit einem AKG C414 aufgenommen. Am Anfang der zweiten Strophe wird der HMX auf einer tiefen Einstellung hinzu geschaltet (bei dem Wort 'stripped) und dann kontinuierlich angehoben. Beispiel 4: Dieses Beispiel wurde mit einem SM58 aufgenommen und zeigt nochmals den Effekt der HMX Schaltung an – zuerst sehr wenig und dann immer mehr Sättigung.

Variphrase

MicoDas zweite spezielle Merkmal ist auf dem zweiten Kanal zu finden und heisst Variphrase. Es ermöglicht einem die Phasenlage des Signals um bis zu 180° zu drehen.

Diese Phasenanpassung wird durch ein Filter-System ermöglicht das eine leichte Verzögerung bei den Frequenzen erzeugen. Die Bedienungsanleitung des Mico deutet an, dass ein korrektes Platzieren von Mikrofonen immer noch eine Priorität im erfolgreichen Aufnehmen darstellt, aber dass ein Signal mittels der Variphrase Schaltung auch noch im Nachhinein 'korrekt Positioniert' werden kann. Wie man schon in den Beispielen hören konnte funktioniert dies recht gut. Die Phasenkorrektur mit dem Variphrase Poti erlaubt eine sehr schöne Klanggestaltung. Dies ist dennoch ziemlich schwierig wenn das Heimstudio nicht über einen separaten Aufnahmeraum verfügt. Wenn das Signal nicht vom Monitor-Signal isoliert ist, dann wird es bei einem starken direkten Signal schwierig dies akkurat einzustellen. In diesem Fall muss man wohl ein paar Probeaufnahmen machen und dann beim Abhören die Einstellungen beurteilen.

Obwohl der Mico einen DI Eingang hat, so kann es doch nicht für 'Re-amping' benutzt werden und besitzt auch keinen geeigneten Ausgang den man in einen Verstärker oder spezifische Gitarren und Bass Effekte speisen könnte. Der Mico Vorverstärker wurde primär dazu entwickelt um mit Mikrofonen aufzunehmen. Selbstverständlich kann man damit auch einen Bass oder eine Gitarre aufnehmen. Dazu verbindet man einfach das Instrument mit dem DI Eingang und der zweite Kanal kann für ein optionales Mikrofon benutzt werden. Um einen Verstärker mikrofonieren zu können benötigt man jedoch eine Split-Box.

Der Mico ist dagegen sehr praktisch um ein elektro-akustisches Instrument aufzunehmen das mit einem Piezo Tonabnehmer ausgerüstet ist. Der Ausgang das Instrumentes wird mit dem DI Eingang verbunden und der zweite Kanal steht für ein Mikrofon zur Verfügung. Das Resultat ist exzellent besonders weil die Variphrase Schaltung ein genaues Formen des Signals zulässt.

Fazit

Der Mico Mikrofon-Vorverstärker ist keinesfalls perfekt und kann schon bei ein paar Punkten bemängelt werden. Einer der grössten davon ist wohl das Fehlen von Inserts. Erwähnt wurde auch, dass die Potis relativ leicht drehen und man sollte auch erwähnen, dass die Gain Einstellung bei höherer Verstärkung schnell ins Clipping fährt. Bei hohen Lautstärken ist dieses Gerät also mit Vorsicht zu geniessen. Es ist ebenfalls etwas schade, dass jedes mal wenn man einen Knopf drückt ein kleines Geräusch generiert wird. Dies ist nicht wirklich dramatisch, hindert einen aber daran während der Aufnahme irgendwelche Anpassungen vorzunehmen.

Trotz dieser Details kann ich den Mico dennoch definitiv zum Kauf empfehlen. Jemand der bereits gut bestückt ist erhält hier für $1'100.- zwei qualitativ hochstehende Vorverstärker mit wirklich nützlichen Funktionen – speziell wenn man bedenkt, dass der Variphrase auch für Line-Signale einsetzbar ist. Der Mico scheint aber sogar noch interessanter für Leute zu sein die auf der Suche nach einem ersten guten Vorverstärker sind. Da er sehr gute digitale Ausgänge hat kann er auch das nächste Soundkarten Upgrade sorglos mitmachen. Ein paar Einschränkungen wurden zwar vorgenommen um den Preis relativ tief zu halten – dennoch sollte man nicht vergessen, dass man es hier mit einem professionellen Produkt zu tun hat. Kurz gesagt: ein wirklich attraktives Gerät.

+ Klangqualität
+ Intelligentes Konzept
+ Sehr nützliche Eigenschaften
+ Elegantes Design
+ Sehr gut zu Transportieren
+ Eine Vielzahl an Verbindungsmöglichkeiten

- Keine Inserts
- Potis sind sehr leicht zu verstellen