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Gitarrenaufnahmen mit Audiosequenzern quantisieren

Und so löst man diese Timing Probleme...
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Jemals das perfekte Solo, den perfekten Riff, oder die perfekte Begleitrhythmik aufgenommen...wäre da nicht diese eine ungenaue Note...? Falls Euch das nicht bekannt vorkommt, dann solltet Ihr an dieser Stelle aufhören zu lesen und als Session Gitarrist nach New York, Los Angeles, oder Nashville ziehen. Ansonsten wird Euch die folgende Lektüre wärmstens empfohlen.

Digitale Werkzeuge zum Quantisieren von Audiodateien

Meine erste Berührung mit Quantisierung fand mit der grossartigen Opcode Anwendung 'Studio Vision' statt. Die Bearbeitung erforderte Signale mit starken Transienten und schnellen Attack Werten (wie sie bei Drums, Gitarren, Piano und so weiter vorkommen).

 

Die Quantisierung fand als Prozess in zwei Schritten statt: Zuerst fügte man der Tonspur so etwas wie ein Noise Gate hinzu, mit dem man alle stillen Anteile freistellte. Somit markierten alle Noten mit scharfen Transienten den Anfang eines neue Audio Abschnitts. Jeder dieser Abschnitte konnte dann wie MIDI Noten auf einem Raster platziert und quantisiert werden.

 

http://www.harmonycentral.com/static/articles/tips/quantizing_guitar/308_QuantizingGuitar_01.gif

 

Beat Detective für Pro Tools geht da bereits fortschrittlichere Wege. Generell wird auch hier nach Transienten gesucht, doch der ganze Prozess geschieht mehr oder weniger automatisch. Nachdem die Transienten analysiert wurden, werden sie auf einem Raster platziert und die Audiodateien vor den Transienten verlängert oder gekürzt.

 

Diese Herangehensweise findet sich in der einen oder anderen Form in fast jeder DAW Anwendung wieder. Dies ist definitiv kein automatischer Prozess - man muss Audiodateien manuell zerschneiden und die Teile selber verschieben. Doch auch wenn dies einiges weniger praktisch erscheint, so bleibt einem immer die Wahl nur genau die Teile zu verschieben, die man auch gerne quantisiert haben möchte.

 

Dieses Argument ist wichtig, da Noten nicht zwingend auf den Takt quantisiert sein müssen, solange sie richtig tönen. Diese kleinen Tempo Variationen bei denen die Rhythmik leicht verzögert oder vorangetrieben wird sind wichtiger Bestandteil des emotionalen Ausdrucks eines Stücks. Ich habe Gitarrensoli analysiert bei denen Noten im Vergleich zum Takt teilweise 30 bis 50ms zu spät erklungen, aber genau das für den coolen Sound verantwortlich war - hier zu quantisieren hätte der gesamten Performance das Leben genommen. Deshalb solltet Ihr Euch hinter die Ohren schreiben immer nur Fehler zu beheben, die Ihr auch wirklich hört und nicht solche, die Ihr mit Euren Augen seht!

 

Man sollte aber auch nie einzelne Spuren für sich quantisieren. Nehmen wir zum Beispiel mal an, dass der Schlagzeuger die Snare gegenüber dem Beat nur ein kleines Bisschen verzögert hat und der Rest der Band dem gefolgt ist. Da könnte es durchaus passieren, dass die Snare plötzliche nicht mehr richtig tönt und man gezwungen ist den Rest der Aufnahmen ebenfalls anzupassen. All die Arbeit könnte schliesslich durchaus umsonst gewesen sein, wenn einem am Ende die leicht verzögerte Snare besser gefallen hat. Wie sagt man so schön: 'If it ain't broke, don't fix it'.

Aber das hier stimmt wirklich nicht!

Die Idee zu diesem Artikel kam mir während meiner Arbeit an einer neuen Library aus Gitarrenriffs mit dem Namen 'Adrenalinn Guitars' (bei der vor allem Effekte aus dem 'Adrenalinn' Prozessor von Roger Linn zum Einsatz kamen). Da Loops wie diese normalerweise mit bereits quantisierten Drums und anderen Loops verwendet werden, müssen diese genau auf dem Beat geschnitten sein. Leute die mit dieser Art von Loops arbeiten erzeugen Timing Anpassungen normalerweise kleinen Tempo Schwankungen und nicht durch Bewegen von Audiodateien.

 

Der obere Teil der folgenden Illustration zeigt das original Gitarren Riff (um Platz zu sparen wurde lediglich ein Kanal abgebildet). Die vier Linien (drei weisse, eine rote) stehen für eine Unterteilung nach Achtelnoten. Man beachte, dass die erste Note genau auf dieser Unterteilung zu liegen kommt, die zweite ein klein bisschen vorgezogen und die dritte und vierte ein wenig zu spät kommen.

 

http://www.harmonycentral.com/static/articles/tips/quantizing_guitar/308_QuantizingGuitar_02.gif

 

Ein Gitarren Riff vor und nach dem Quantisieren.



Der untere Teil zeigt dasselbe Riff nach der Quantisierung. Dabei kam die Technik zum Einsatz, die wir im nächsten Teil dieses Artikels beschreiben werden. Das Timing wurde angepasst, und das ohne verräterische klangliche Artefakte.

Der Prozess

Kümmern wir uns zuerst um eine Note, die dem Takt hinterher hinkt. Als Beispiel nehmen wir doch gerade mal die letzte Note der vorherigen Illustration:

  1. Zoom in auf der Wellenform.

  2. Turn off der 'Snap-to-Grid' Funktion.

  3. Split des Clips exakt am Anfang der zu korrigierenden Note. Im oberen Drittel der folgenden Figur gibt eine gelbe Linie den Ort dazu an. Als weiteres muss ein weiterer 'Split' nach der Note (oder zumindest kurz vor dem nächsten relevanten Transienten) eingesetzt werden. Im Wesentlichen versuchen wir hier die Sektion zu isolieren, die wir auch wirklich bewegen möchten.

http://www.harmonycentral.com/static/articles/tips/quantizing_guitar/308_QuantizingGuitar_03.gif


Drei Schritte sind nötig um eine verzögtert Note zu quantisieren.


4. Turn on auf der 'Snapt-to-Grid' Funktion (in diesem Fall die Achtelnoten).

 

5. Mit 'Slip-Edit' wird die Sektion kurz vor die verzögerte Note gezogen und zurück auf den Punkt bewegt, wo die Note eigentlich zu liegen kommen sollte. Da 'Snap' eingeschaltet ist, sollte der Clip genau auf die Achtelnote zu liegen kommen. Dies öffnet ein wenig Raum zwischen der aktuellen Position und dort, wo die Note zu liegen kommen sollte (wie man im mittleren Drittel der Illustration sehen kann).

 

6. Nun bewegt man die verzögerte Note nach links und bringt sie auf dem korrekten Startpunkt zu liegen (wie im mittleren Drittel der Illustration zu sehen). Dies führt auch dazu, dass am Ende des Clips etwas Raum frei wird - genau aus diesem Grund haben wir in Schritt 3 an dieser Stelle einen Split eingeschoben. Ansonsten würden wir mit dem Clip auch gleich noch die gesamte restliche Spur nach links schieben. Dennoch muss man wahrscheinlich auch diese Lücke mit einem Crossfade stopfen (ähnlich wie ich es im zweiten 'Schritt-für-Schritt' Durchgang erklären werde).

 

7. Ein Crossfade sollte nun über dem Split Point angewendet werden, um möglich Klick- oder Popgeräusche zu eliminieren. Nun sieht die Wellenform wie im unteren Drittel des Screenshots aus. Zieht den Crossfade vom Attack der Note weg und bewegt ihn nach links, damit er mit dem bestehenden 'Decay' der vorangehenden Note vereint wird.

8. Hört Euch das Resultat an und stellt sicher, dass alles richtig tönt. Um einen natürlichen Sound zu gewähren, solltet Ihr die Crossfades so kurz wie möglich halten.



Ist die Note vor und nicht nach dem Beat, ist der Prozess sehr ähnlich:

 

  1. Zoom in auf der Wellenform.

  2. Turn off der 'Snap-to-Grid' Funktion.

  3. Split des Clips exakt am Anfang der zu korrigierenden Note. Im oberen Drittel der folgenden Figur gibt eine gelbe Linie den Ort dazu an. Als weiteres muss ein weiterer 'Split' nach der Note (oder zumindest kurz vor dem nächsten relevanten Transienten) eingesetzt werden.

http://www.harmonycentral.com/static/articles/tips/quantizing_guitar/308_QuantizingGuitar_04.gif

 

4. Bewegt die vorderste Note nach rechts, damit diese in die richtige Position gesetzt wird (mittleres Drittel des vorherigen Screenshots). Macht vor dem Note Attack keinen Slip Edit, da dies zu einem Double Attack führen würde. Vergesst zudem nicht, dass wegen des zweiten Edits nun auf der rechten Seite eine Wellenform über eine andere gelegt wird. Dies solltet Ihr zu einem späteren Zeitpunkt korrigieren - wahrscheinlich am besten mit einem 'Slip Edit' und anschliessendem Crossfade.

 

5. Setzt über der Lücke und dem vorherigen Decay einen Crossfade, um Klick- oder Popgeräusche zu eliminieren (entspricht dem unteren Drittel des Screenshots). Der Crossfade sollte beim Attack der Note starten und nach links hin mit dem bestehenden Decay gemischt werden. Achtug: Falls diese Lücke zu gross ist, muss man eventuell am Ende des Clips einen harten Fade Out setzen, da sonst auch mit einem Crossfade ein sehr abrupter Cutoff zu hören sein wird.

 

6. Hört Euch das Resultat an und stellt sicher, dass alles richtig tönt. Um einen natürlichen Sound zu gewähren, solltet Ihr auch hier die Crossfades so kurz wie möglich halten.

 

Dieser gesamte Prozess mag sehr zeitaufwendig erscheinen (und bei einem Gitarristen ohne Timing ist es das auch), doch um die gelegentliche Note zu korrigieren habt Ihr damit eine einfache, transparent klingende Lösung.

 


Dieser Artikel ist ursprünglich auf Harmony Central erschienen Reprinted with permission.

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