Fender Road Worn '60s Stratocaster
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Fender Road Worn '60s Stratocaster

Road Worn '60s Stratocaster, Gitarre mit SC Form from Fender belonging to the Road Worn '60s Stratocaster model.

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Einführung

Fender Road Worn Series: Eingespielt oder ausgespielt?
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Wie findet man als ungeduldiger Gitarrist eine Gitarre, die gut eingespielt und durch viele Shows schön gealtert ist - aber dies ohne dass man all die Jahre darauf warten muss? Da gibt es eigentlich nur zwei Optionen...

...entweder man kauft eine alte gebrauchte Gitarre, oder man entschliesst sich für eine 'Relic'. Letztere Option ist in etwa vergleichbar mit neuen, künstlich ausgetragenen 'Vintage' Jeans. Die Road Worn Series die wir heute testen werden fällt da ebenfalls in diese Kategorie...

Gitarristen wie Rory Gallagher, Stevie Ray Vaughan und Joe Strummer haben in unseren Köpfen das Bild von alten und misshandelten Gitarren mit vergilbten und abgewetzten Lackierungen, oxidierter Hardware und rostigen Pickups gefestigt. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass viele Gitarristen Modelle mit einem alten Aussehen bevorzugen und Stratocasters mit zahlreichen Kerben, Beulen und ausgebleichten Lackierungen als besonders 'hip' betrachtet werden. Ursprünglich wurden diese Gitarren ja von vielen Künstlern wegen ihres Preises bevorzugt. Aufgrund ihres Zustands konnte man sie günstig in Musikläden oder Leihhäusern erwerben und so einen 'grossen Sound' für wenig Geld bekommen.

Wie bei 'Pre-Worn' Jeans ist es heute der letzte Schrei eine Gitarre zu besitzen, die aussieht als ob der Zahn der Zeit schon eine Weile an ihr genagt hat. Weil aber Stratocaster aus den 60er Jahren äusserst selten und unbezahlbar geworden sind, bietet Fender jetzt über ihren Custom Shop 'Relic' Reissues an. Diese verlassen die Fabrik brandneu mit allen Kratzern, Beulen und Kerben. Der Kunde erhält so eine neue, hochwertige 'Custom Shop' Gitarre und das Aussehen eines Instruments, das bereits eine Menge Auftritte hinter sich gebracht hat.

Bevor ich eine dieser 'Relics' Gitarren aus dem Fender Custom Shop anspielte, stand ich dem ganzen Konzept eher skeptisch gegenüber: Kerben und Hicke auf dem Korpus welche direkt aus der Fabrik stammen?...mit Absicht?...das kann ich nun aber wirklich selber - danke viel mal!
Als ich dann aber mal eine solche 60's Relic Stratocaster in Händen hielt, war mir klar, dass dies mehr als nur eine Spielerei war! Natürlich ist das ganze äusserst subjektiv und die Meinung wird von Gitarrist zu Gitarrist wieder eine andere sein. Ich fand jedoch, dass die Gitarre wirklich etwas spezielles an sich hatte - sie gab mir das 'Gefühl' einer Vintage Gitarre - auch wenn der 'Vintage' Teil hier eher in meinem Kopf stattfand. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob es sich um ein Reissue Modell, oder doch um ein Original handelte - der Alterungsprozess bei Custom Shop Instrumenten ist wirklich verblüffend gut. Diese Custom Shop Modelle haben dann aber auch ihren Preis: Die Modelle kosten zwischen € 2'500 bis € 3'000 und werden allesamt von Hand im Custom Shop gefertigt.

Nun hat sich Fender entschieden ihre 'Relics' günstiger zu machen und aus diesem Grund die Worn Road Series auf den Markt gebracht. Das Konzept ist ziemlich einfach: In der mexikanischen Fabrik hergestellt werden sie einem 'Relic' Prozess unterzogen. All dies geschieht immer noch von Hand, kostet aber am Ende 'nur' noch gegen € 1'000. Schauen wir uns also an, ob das 'Vintage Feeling' auch auf diesen Road Worn Relics zu spüren ist...

On the Road Again

Die Road Worn Series gibt es in verschiedenen Modellen:

* 50's Stratocaster, Griffbrett aus Ahorn, erhältlich in schwarz oder 2-farbigem Sunburst
* 60's Stratocaster, Griffbrett aus Palisander, erhältlich in 'Olympic' Weiss und 3-farbigem Sunburst
* 50's Telecaster, Griffbrett aus Ahorn, erhältlich in 'Blonde' oder 2-farbigem Sunburst

Alle Modelle unterstreichen den Relic Aspekt durch denselben Nitrolack und 'Tex-Mex' Elektronik. Der Begriff 'Relic' macht sich insgesamt in 4 Aspekten des Instruments bemerkbar.

Zuerst der offensichtlichste: Ausgebleichte Lackierung. Nitrolack wurde ursprünglich sehr dünn aufgetragen, was ihn sehr empfindlich gegnüber Abnutzung und Kratzer machte. Fender spielt auf folgende Art und Weise mit diesen charakteristischen Merkmalen: Beulen, Hicke und Kerben über den gesamten Korpus, Kratzer und Eindrücke von Gürtelschnallen auf der Rückseite, abgenutzte Lackierung auf dem Korpus (speziell dort, wo der Gitarrist normalerweise seine Arme auf den Korpus legt).

Die Halslackierung wird ebenfalls einem Alterungsprozess unterzogen - also ob man darauf schon seit Jahren geschwitzt hätte. Das Griffbrettholz ist abgenutzt und die Lackierung hinter dem Hals verschwindet - speziell in der Nähe der Kopfplatte.

Wenn man die Hardware anschaut, so wurde der Steg (oder das Vibrato-System) oxidiert und verrostet und insgesamt nahm man der gesamten Hardware den Glanz. Alle Teile aus Kunststoff wurden ebenfalls behandelt und sehen alt und vergilbt aus.

Was die gesamte Verarbeitung betrifft, so kann man auf keinen Fall eindeutig sagen, dass es sich hierbei um ein neues Instrument handelt. Ich persönlich empfand die 'Relic' Behandlung bei der Road Worn Series ein bisschen weniger unauffällig als bei den Custom Shop Modellen (speziell was die Abnutzung beim Hals angeht). Dennoch ist das Resultat immer noch sehr gut - speziell wenn man den Preisunterschied in die Kalkulation mit einbezieht!

In diesem Test standen mir eine 50's Blonde Telecaster, eine 50's und eine 60's Stratocaster zur Verfügung. Eine Sache war von Anfang an offensichtlich: die Ähnlichkeit des Alterungsprozesses bei beiden Stratocaster Modellen. Speziell die Hicke und Abnutzungen auf dem Korpus waren bei beiden sehr ähnlich. Hier zeigt sich natürlich der 'Low Cost' Aspekt dieser Modelle: Die Industrialisierung von 'Relic'. Nach Rücksprache mit Fender habe ich herausgefunden, dass der ganze Prozess immer noch von Hand von Fender Mitarbeitern bewältigt wird. Dennoch ist die Standardisierung der 'Relic' Methode nicht zu übersehen.

Dies ist aber nicht unbedingt ein Negativer Punkt. Zudem hält dies ja niemanden davon ab mit ein bisschen Schleifpapier nachzuhelfen...oder wer weiss - vielleicht hilft ja sogar die Zeit mit...

Bevor wir uns dem nächsten Kapitel widmen, sollte noch folgendes erwähnt werden: Die Verarbeitung unter all den Kratzern und Beulen ist absolut gut und solide. Hier haben wir es trotz allem mit hochwertigen Instrumenten zu tun.

Der Sound

Was den Klang betrifft, so befinden wir uns in einem Bereich der klassischen Sounds - ganz ohne Überraschungen. Die Tex-Mex Pickups besitzen einen schön körnigen und druckvollen Blues Rock Sound - ohne dass sie dabei zu sehr hervorstechen. Die Stratocaster tönt wie eine Stratocaster halt tönen muss: Ideal für Funk und Classic Rock. Die Telecaster klingt mit ihrem charakteristischem 'Twang' und ihrer gnadenlosen Direktheit ebenfalls genau so, wie man es von ihr erwarten kann.

Am besten hört Ihr Euch dazu die folgenden Beispiele an:


Fazit

Um ehrlich zu sein bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Diese Road Worn Gitarren sind im Vergleich zu herkömmlichen mexikanischen Modellen wie  die Classic Series oder Classic Player etwas teurer. Die 'Relic' Verarbeitung kostet ein paar hundert Euro mehr - das ist auch logisch, da es schliesslich auch mehr Arbeit bedeutet. Dieser zusätzliche Aufwand betrifft jedoch nur ästhetische Aspekte der Gitarre und hat keinen Einfluss auf deren Klang. Auch wenn die Instrumente klanglich absolut in Ordnung sind und den klassischen 'Tex-Mex' Sound liefern, so betrifft der 'Relic' Prozess doch nur das Aussehen und vielleicht noch das Spielgefühl.

Die Verarbeitung ist wahrlich exzellent und es wurde wirklich sehr genau auf jedes Detail geachtet. Nichts wurde dem Zufall überlassen - weder bei der Lackierung, Hardware oder den Kunststoffteilen. Man erhält das Gefühl eine 30 Jahre alte Gitarre zu spielen! Ein grosser Vorteil dieser Gitarren ist dann wohl auch, dass man solche Instrumente mit einer etwas anderen Einstellung spielt als bei einer brandneuen Gitarre. Auch wenn das Instrument ja eigentlich neu ist, so hat man doch weniger Angst es zu verkratzen und fühlt sich aus diesem Grund von Anfang an sehr wohl damit.

Wer von Euch noch nie zuvor eine solche künstlich gealterte Gitarre in Händen hielt, dem empfehle ich unbedingt einmal eine im Gitarrenladen anzuspielen. Doch ich lege Euch auch ans Herz vorgefasste Meinung am Eingang abzugeben - ihr könntet überrascht sein!

+ Qualität des 'Relic' Prozesses
+ Tex Mex Pickups
+ Verarbeitung
+ Zahlbar
+ Spielgefühl

- Der 'Relic' Prozess ist unter den einzelnen Modellen sehr ähnlich