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Geheimnisse der Dynamikbearbeitung gelüftet

Alles was man über Dynamikbearbeitung wissen muss
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Ein Gerät zur Dynamikbearbeitung generiert ein Ausgangssignal, das vom Pegel des Eingangssignal abhängig ist. Somit tönt vereinfacht gesagt ein lautes Eingangssignal anders als ein leises Eingangssignal.

Übersicht der verschiedenen Geräte zur Dynamikbearbeitung

Kompressoren: Die wohl bekanntesten Geräte. Je lauter das Eingangssignal desto stärker wird das Ausgangssignal im Pegel reduziert. Bei einem Kompressor wird für die Lautstärke ein Grenzwert eingestellt (Threshold), und jedes Signal welches diesen übersteigt wird reduziert. Je höher das Signal über dem Grenzwert liegt, desto stärker fällt dann die Absenkung aus.

Limiter: Limiter sind wie sehr extreme Kompressoren. Die Idee hier ist, dass der Pegel den Grenzwert (Threshold) nicht übersteigen darf. Da diese Art der Kompression sehr extrem ist, hängt ein Limiter von gewissen Funktionen ab die bei regulären Kompressoren nicht gefunden werden.

Expander: Je leiser das Eingangssignal desto weniger Signal verlässt den Expander. Leise Signale werden also noch leiser. Wie bei einem Kompressor wird auch hier der Grenzwert an einer gewissen Stelle gesetzt. Jedes Signal, dass den Grenzwert NICHT überschreitet wird jetzt reduziert und je leiser das Signal desto mehr Reduktion findet statt.

Gates: Gates sind wie sehr extreme Expander. Alles was den Grenzwert nicht überschreitet wird unhörbar. Auch hier gilt, dass Gates wegen ihrer extremen Arbeitsweise über ein anderes Design verfügen als normale Expander.

In diesem Artikel werde ich mich aber hauptsächlich auf Kompressoren konzentrieren, da es sich dabei um die am häufigsten verwendeten Geräte zur Dynamikbearbeitung handelt.

Kompression

Jedes Signal das man hört ist komprimiert??? Ja, jedes Signal das man hört ist komprimiert.

  • Stellt Euch folgendes Szenario vor: Ihr nehmt einen Rapper über ein Mikrofon ab und spielt es anschliessend wieder. Ihr habt noch nichts bearbeitet - Ihr hört Euch einfach die Rohaufnahmen an. Dennoch hört Ihr bereits ein Signal das durch mindestens 3 Stufen Kompression gegangen ist - viel eher noch 6 Stufen.
  • Die Kapsel des Mikrofons wird durch die Stimme des Rappers nach hinten gedrückt. Je intensiver der Rapper, desto mehr wird die Membrane nach hinten gedrückt. Man kann also sagen je lauter das Signal, desto mehr wird die Lautstärke durch die Kapsel reduziert. Und genau das ist Kompression!
  • Auf dem Weg durch das Mikrofon trifft man vielleicht auf eine Röhre. Röhren besitzen gegenüber Spannung ein nicht-linears Ansprechverhalten (sehr gekrümmt und mit einer Änderung des Klangbildes). Dies wird allgemein hin 'Sättigung' genannt, was dazu tendiert das Signal 'abzurunden' und die lautesten Pegel reduziert. Kompression! Und bevor das Signal das Mikrofon verlässt trifft es vielleicht noch auf einen Transformator, welcher das Bild ebenfalls abändert - noch mehr Kompression!
  • Der Vorverstärker wird mehrere Sättigungsstufen besitzen - und oftmals bedeutet mehr Gain auch mehr Sättigung des Signals. Je mehr man das Gain am Vorverstärker regelt, desto mehr Kompression erhält man am Signal.

Anschliessend muss der Klang auch noch aus den Lautsprechern erklingen und diese erzeugen bei höheren Pegeln entsprechend mehr Widerstand...eben - noch mehr Kompression.

Ok - das ist alles natürlich ein bisschen einfach dargelegt - doch ich möchte hier einen Punkt machen: Kompression ist immer ein Teil des Signals. Gewisse Mikrofone haben weniger davon, andere mehr - dasselbe gilt für Lautsprecher, Röhren, Transformatoren, etc. Und sie beeinflussen alle die Dynamik auf unterschiedliche Art und Weise. Bei Röhren reden die Leute von Sättigungswerten und %THD (Total Harmonic Distortion). Bei Mikrofonen dagegen wird davon gesprochen, auf welche Art und Weise es den Sound ergreift.

Frequenzgang und Form

Anstatt dass man bei einem Kompressor an effektive Kompression denkt, sollte man es sich wie eine Änderung des Klangbildes vorstellen. Fängt man hier an in Formen zu denken, so erkennt schon sehr schnell die Geheimnisse eines Kompressors.

Wenn ich hier von Form rede, so hilft es vielleicht, wenn man sich hier die Hüllkurve des Klangs vorstellt: Attack, Decay, Sustain und Release. Einen Kompressor richtig einzustellen ist wie das Signal in eine Passform zu zwängen:

  • Threshold bestimmt bei welcher Lautstärke der Kompressor zu arbeiten beginnt.
  • Ratio bestimmt wie stark der Kompressor eingreift.
  • Attack bestimmt wie stark die Transienten klingen sollen.
  • Release bestimmt wieviel Sustain man hervorheben möchte.

Transienten

Bei Transienten handelt es sich um sehr schnelle Signale - also um den 'Attack' des Signals. Ein Schlagzeug besitzt zum Beispiel sehr viel Transienten. Streichinstrumente sind dagegen weitaus weniger reich an Transienten. Der Attack Wert eines Kompressor stellt dem Anwender also die Frage: 'Wie stark möchtest Du den Attack des Signals unterstreichen?

Möchte man den Attack eher weich und abgerundet, dann sollte man einen schnellen Attack Wert einstellen. Möchte man einen hörbaren Attack, dann sollte man dagegen einen geringeren Wert wählen.

Natürlich arbeitet dieser Wert direkt mit dem Threshold zusammen. Versucht es doch mal selber und kombiniert einen tiefen Threshold mit einem schnellen Attack. Auf einmal ist der Attack Sound der Snare verschwunden. Wählt Ihr dagegen einen tiefen Threshold und einen langen Attack Wert, so erhaltet Ihr einen sehr runden, fetten Kick mit einer Menge Druck. Bei einem hohen Threshold mit kurzem Attack wird die Snare fetter und runder und sticht nicht so schnell hervor (klingt aber auch ein wenig dumpfer). Setzt Ihr den Threshold hoch und kombiniert dies mit einem langen Attack Wert, so hört am schliesslich fast keinen Unterschied - ausser vielleicht, dass der Attack ein wenig runder wirkt.

Maximaler Punch

Die Grenze zwischen einem 'Transient Sound' und einem 'Sustain Sound' ist sehr fliessend. Ein Sound der für einen hörbaren Zeitraum ausgehalten wird besitzt einen gewissen Sustain. Ein Sound der zu schnell vorbei geht, als dass man ihn effektiv wahrnehmen kann ist dagegen eher 'Transient' (perkussiv). Doch Transienten können in der Länge variieren. Transienten können eine halb Millisekunden lang, oder zehn Millisekunden lang sein - sie werden nicht gleich tönen. Ein grosser Faktor beim Druck des jeweiligen Klangs hängt vom Ausklingen des Transienten ab. Ein schneller Transient sticht eher mal hervor und lange Transienten tönen eher wuchtig. Das Optimum sind Transienten die möglichst lange ausklingen, bevor sie anfangen flach zu tönen, oder zu einen hörbaren Sustain entwickeln. Nur Euer Ohr kann da bestimmen, wo genau dieser Punkt zu liegen kommt.

Gute Samples wurden in der Regel bereits so verarbeitet, dass dieser Anteil optimiert wurde - weitere Kompression führt also häufig zu einer Abschwächung des Klangs. Natürlich hat Druck auch sehr viel mit Frequenzen zu tun - doch das sparen wir uns lieber für einen anderen Artikel.

Was hat es schliesslich mit dem Release Wert auf sich? Der Release ist wohl der schwammigste aller Werte. Damit wird bestimmt wie lange der Kompressor eingreifen soll. Ist der Release zu kurz eingestellt, erhält man ein abgeschnittenes Signal, das schnell in einer Verzerrung resultiert. Ist er zu lang, so kehrt das Signal nie wirklich zu seiner ursprünglichen Form zurück, was häufig zu einem Klangverlust führt. Hier sollte man also möglichst einen Wert finden, welcher den Sustain des Signales optimal unterstützt. Wird der Attack und der Release so eingestellt, dass sie einander nicht wirklich ergänzen, sondern eher bekämpfen, so kann die Kompression sehr stark hörbar werden. Dieser Effekt macht sich durch einen wahrnehmbaren Anstieg und Abschwächen des Pegels bemerkbar und wird allgemein als Pumpen bezeichnet. Dieser Effekt ist häufig störend, kann aber teilweise auch als Effekt eingesetzt werden. Soll der Effekt hörbar sein, so solltet Ihr den Release auf den Rhythmus des Stücks anpassen.

Anstatt bei einem Kompressor an ein Gerät zu denken, das den 'Pegel' eines Signals verändert, so solltet Ihr dabei eher an ein Gerät denken, welches dessen Form bearbeitet. Wieso? Weil Pegel viel besser mit dem Volumenfader bearbeitet werden kann. Ein Fader bearbeitet dagegen nicht die Form, wogegen ein Kompressor immer das Klangbild des Signals bearbeitet.

Fängt man also an die Form des Klangs zu hören, so ist man auf dem besten Weg das Wesen von Kompressoren zu verstehen.


Matthew Weiss ist der Head Engineer des Studio E (Philadelphia, PA). Weitere Artikel über Aufnahmetechniken, Mixing und Produktionstechniken findet man auf der Website The Pro Audio Files (von Dan Comerchero).

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