Mastering
Klangerzeugungen Mastering
  • Textgrösse erhöhen oder verringern
  • Drucken

Der Loudness War - Teil 4

Ein Verständnis für seine Ohren entwickeln

  • Like
  • Tweet
  • +1
  • Pin it

Nachdem wir im letzten Artikel Lautstärken besprochen haben wenden wir uns in diesem Teil unseren Ohren zu.

Was haben wir letzte Woche gelernt? Etwas unerträgliches… Die Schlacht um Lautstärke die so in den frühen 90er Jahren losgetreten wurde - dank den Möglichkeiten digitaler Audiobearbeitung (Kompressoren, Limitern) - resultierte in Stücken die eine wesentlich höhere Durchschnittslautstärke aufwiesen als Stücke welche ihr ursprüngliche Dynamik immer noch besassen. Und das ist schlecht für die Musik - und Eure Hörgewohnheiten. 

Aber wieso? Nun weil die Musik immer laut klingt auch bei geringen Lautstärken (einen Moment, was?!). Abgesehen von diesem Paradox gibt es wenn man Musik lauter hören möchte ein durchaus nützliches Werkzeug das man erst mit mehrjähriger Erfahrung wirklich beherrscht - ich möchte Euch hiermit den Volumenregler vorstellen!

Bevor wir jedoch die Logik hinter diesem Wahnsinn ergründen (so es denn eine gibt) macht es Sinn sich zuerst einmal um unsere Ohren zu kümmern. Diese vorzüglichen und unbekannten Werkzeuge die viele von uns achtlos misshandeln. Ich werde keine medizinische, physische oder psychologische Terminologie durchkauen, möchte aber mit Nachdruck festgehalten haben, dass das menschliche Gehör wirklich vorzüglich ist und sich in der Evolution auf das Erkennen von Gesprächen spezialisiert hat. Als Menschen zu sozialen Wesen wurden war es die Hauptaufgabe der Ohren das Verständnis unter den Genossen zu garantieren. 

Verstehen

Die wichtigsten Frequenzen für ein Sprachverständnis (also Worte verstehen) konzentrieren sich in den mittleren Frequenzen (zwischen 200 Hz und 5 kHz im Durchschnitt). Würdet Ihr glauben, dass ein Ohr abhängig von der Lautstärke wie ein Filter agiert? Je tiefer das Volumen desto mehr “schneidet“ Euer Gehör Bässe und Höhen ab und hebt so die Mitten hervor. 

Loudness War

Versucht es einmal selber: Spielt einen gut produzierten Song über Eure Anlage ab. Lasst nun jemanden die Lautstärke gleichmässig absenken. Ihr solltet nun hören wie die Stimme immer überhalb der Musik bleibt auch wenn diese stetig leiser wird. Alle Instrumente die Ihr ab einer Lautstärke noch hören könnt teilen wahrscheinlich die Frequezen der Stimme. 

Dieses Phänomen ist sehr bekannt und wird verwendet um Abhörräume auf eine gewisse Lautstärke zu kalibrieren. Ein weiteres sehr bekanntes Einsatzgebiet ist die “Loudness“ Funktion bei vielen Hi-Fi Systemen mit der man bei tiefen Lautstärken die Bässe und Höhen entsprechend anheben kann. 

Zusammengefasst ist es also ganz normal bei geringen Lautstärken weniger Höhen und Bässe zu hören. 

Eure Ohren

Eine weitere Eigenheit des menschlichen Gehörs ist dass es nicht so etwas wie ein Augenlid besitzt. Dies erschwert es dem Gehör sich gegen aggressive Lautstärken zu schützen. Dennoch ist es ziemlich erstaunlich was das Gehör aushalten kann - logischerweise ist das Gehör was Durchschnittslautstärken angeht empfindlicher als kurze Transientenspitzen. Und das ist auch gut so denn sonst könnten wir uns niemals irgendwelche perkussiven Klänge anhören. Nehmt Ihr zudem die Transienten aus einem Song so werden Eure Ohren sofort bemerken, dass der Klang dünn, ohne Dynamik und drucklos geworden ist. 

 

Zum Glück besitzen unsere Ohren ein sehr gutes Schutzsystem, auch wenn es unglücklicherweise sehr empfindlich und nicht für längere Belastungen ausgelegt ist. Hier muss erwähnt werden, dass es in der Natur aber auch nur sehr selten lang anhaltende laute Klangereignisse gibt und diese fast ausschliesslich das Resultat der industriellen Revolution sind. Dieses Schutzsystem wird akustischer Reflex genannt und beschreibt das ungewollte Zusammenziehen des inneren Ohrenmuskels. Dies geschieht als Antwort auf sehr hohe Schalldruckpegel (SPL) und senkt diese wenn nötig ab. Dieser Reflex wird etwa 90ms nachdem man das Schallereignis gehört hat ausgelöst und lässt somit nur die lauten Spitzen durch. 

 

Diese Absenkung kann bei 100 dB bis zu 15 Minuten anahlten, aber bei über 120dB nur wenige Sekunden dauern bevor das menschliche Gehör permanenten Schaden davon trägt. 

Aktuelle Regelungen in der EU besagen, dass ein Arbeiter in einem 8-stündigen Arbeitstag einem durchschnittlichen Schallpegel von 80 dBA ausgesetzt sein darf. In den USA hat die Occupational Safety & Health Administration (OSHA) diese Obergrenze auf 90 dBA über acht Stunden festgelegt. Das "A" nach dem dB beschreibt die Gewichtung des verwendeten Frequenzgangs. Hier wird versucht das durchschnittliche Hörempfinden des menschlichen Gehörs zu berücksichtigen. 

 

Schaut Euch folgende Tabelle ganz genau an. Hier seht Ihr die maximale Belastung bei bestimmten Lautstärken (Die Regel ist sehr einfach: Die Zeit wird pro 3dB halbiert). Wer seine Ohren ein Leben lang schützen möchte kann sich Apps zur Dezibel Messung zu Hilfe nehmen oder man kann natürlich professionelle Lautstärkemessungen vornehmen. Regelmässige Messungen sind auf jeden Fall zu empfehlen und ein gelegentlicher Besuch beim Ohrenarzt empfiehlt sich ebenfalls. 

Dauer der man dem Schallereignis ausgesetzt ist

SPL in dBA

Maximale Belastung

80

8 h

83

4 h

86

2 h

89

1 h

92

30 mn

95

15 mn

98

7 mn 30 s

101

225 s

104

112.5 s

107

56.2 s

110

28.1 s

113

14 s

116

7 s

119

3.5 s

122

1.7 s

 

Loudness War

Eine letzte Frage bevor wir diesen vierten Teil beenden: Wo sind täglich tausende Leute einer Lautstärke zwischen 100dBA und 103dBA bei einem Frequenzgang zwischen 3kHz und 7kHz ausgesetzt ohne dass dies gross auffallen würde?

Lest dazu den nächsten Teil.

 

Sind Sie der erste, der auf diesen Artikel reagiert
  • Like
  • Tweet
  • +1
  • Pin it