Einstiegsratgeber
Thematische Foren Einstiegsratgeber
  • Textgrösse erhöhen oder verringern
  • Drucken

Ein paar Tipps für die nächsten Schlagzeugaufnahmen - Teil 1

Wie man ein grosses Rock Schlagzeug produziert

  • Like
  • Tweet
  • +1
  • Pin it
  • Mail

Nach Gitarre und Bass ist es nun an der Zeit uns auf einen grossen Schlagzeugsound zu konzentrieren. Dies ist ein derart grosses Thema, dass wir es in insgesamt drei Artikeln unterteilen müssen.

Es gibt zwei Herangehensweisen an Schlagzeugaufnahmen die einander keinesfalls im Weg stehen. Zum einen kann man das Schlagzeug als ein einziges Instrument oder eine Gruppe von Instrumenten betrachten (Snare, Bass Drum, Toms, Becken, etc.). In modernen Produktionen kommen sogar häufig beide Philiosophien zum Einsatz: Wir kombinieren Mikrofone die einzelne Elemente des Schlagzeugs abgenommen haben mit Mikrofonen welche das Schlagzeug als Ganzes aufnehmen.

Mixing your Drums

Auch wenn dies zum einen die Aufnahmesituation einiges komplexer macht (vor allem Phasenprobleme treten hier besonders in den Vordergrund), so wird man doch mehr Mikrofone zur Auswahl haben. Dies bedeutet am Ende mehr Flexibilität bei der Klanggestaltung. Die gute Nachricht für Anfänger - und diejenigen welche nicht über die Möglichkeit verfügen solche Aufnahmen zu machen - ist, dass es bereits eine Menge virtueller Schlagzeuge auf dem Markt gibt die allesamt bereits perfekt bearbeitet wurden und direkt in Euren Produkten verwendet werden können. Auch wenn dies ein mit Liebe aufgenommenes Schlagzeug keinesfalls ersetzen kann, so muss man diesen Fortschritt dennoch bewundern.

Ich möchte aus diesem Grund darauf hinweisen, dass die Bearbeitungsmöglichkeiten die in dieser Serie besprochen werden mit echten und virtuellen Schlagzeugaufnahmen funktionieren. Eine 'Serie'? Ja - mindestens drei Teile werden es schon werden, da es mehr als nur eine Methode gibt um einen fetten Schlagzeugsound zu erzeugen. Zudem ist die Idee von einem 'grossen Schlagzeugsound' nicht immer dieseble und hängt stark davon ab, ob wir nun von Rock, Electro oder Hip-Hop/RnB Produktionen reden.  

In diesem Teil werden wir uns dem Klassiker widmen und mit Rock anfangen (natürlich gelten die folgenden Tipps auch für alle Metal Genres).

 

Ein grosser Rock/Metal Schlagzeugsound

Auch wenn es zuvor bereits erste Beispiele gab (z.B. der Schlagzeugsound in 'Paperback Writer' von den Beatles oder das Solo in 'In a gadda da vida' von Iron Butterly), so wurde der klassische Rock Drum Sound schliesslich von John Bonham (Led Zeppelin) definiert. Sein Sound war vom ersten Album weg riesig, doch When the levee breaks von Led Zeppelin IV ist wohl das eindrücklichste Beispiel.  

 

Doch wie kam dieser Sound zu Stande? Natürlich von Bonham's hartem Anschlag! Vergesst nie, dass vor allem der Musiker für eine spezielle Klangfarbe verantwortlich ist - aber nicht nur. Nach Andy Johns (der damals verantwortliche Tontechniker) kamen bei diesen Aufnahmen zwei Beyerdynamic M160 Mikrofone zum Einsatz. Diese waren im oberen Treppenhaus des Headley Grange platziert worden (wo die Session stattfand), während Bonham unten im Treppenhaus geduldig sein neues Schlagzeug ausprobierte. Was lernen wir davon? Sollten wir unser Schlagzeug also immer im Treppenhaus aufnehmen? Das könnte natürlich durchaus spassig sein, doch noch wichtiger ist es wohl zu bedenken, dass ein grosser Schlagzeugsound immer auch von den akustischen Eigenheiten des Aufnahmeraums abhängig ist.  

Die Raumakustik wird mit speziell platzierten Mikrofonen eingefangen, die häufig den Spurennamen ''Room'' tragen. Ihr wollte ein fettes Schlagzeug? Nehmt ein paar ''Room'' Mikrofone und schaut wo ihr hinkommt.

00:0000:00

Interessant oder? Doch wir können noch einen drauf setzen - hören wir uns dazu When the levee breaks. nochmals an.

Andy Johns war nicht nur damit zufrieden mit zwei Raummikrofonen die Raumakustik einzufangen. Er schickte die Drums anschliessend durch einen Helios F700 Kompressor und ein Binson Echorec Tap Delay, welches das Signal noch weiter komprimierte. Achtet nicht zu sehr auf den Delay Effekt (welches das Rhythmusmuster noch interessanter macht), sondern achtet darauf wie sehr da Echorec den Schlagzeugsound zum Atmen bringt.

 

Zusammendrücken!

Denkt daran: Ein Kompressor dient vor allem dazu die Dynamik zu reduzieren. Dies verleiht dem Schlagzeug zum einen ein stärkeres Fundament, unterstreicht aber auch den Raumanteil der Aufnahme. Folgen wir mal dem Beispiel von Andy John und bearbeiten die Room Mikrofone mit einer starken Komprimierung:

00:0000:00
Mixing Drums

Nicht schlecht, oder? Klar, doch Ihr werdet jetzt vielleicht einwenden, dass nicht jedem Room Mic Spuren zur Verfügung stehen. Doch wie können wir eine Schlagzeugaufnahme gross machen, die nur aus einer oder zwei Spuren besteht?

Schauen wir uns dazu mal einen Drum Loop an, den wir von der Sony Media Software Website heruntergeladen haben:

00:0000:00

Schicken wir diesen Loop mal durch einen Kompressor und setzen die Werte auf ein paar weniger dramatische Werte (ein Attack bei dem die Transienten durchgelassen werden kombiniert mit einem schnellen Release Wert): 

00:0000:00

Hört Ihr wie der Sound fetter wird? Die Resonanz auf der Snare wird hörbar angehoben und insgesamt tritt der Raumanteil nach vorne. Doch wir können da definitiv noch mehr rausholen. Wagen wir uns mal an eine extreme Einstellung, senken den Threshold ab und heben den Ratio derart an, dass das Signal hörbar zusammengedrückt wird!

00:0000:00

Das Ziel den Raumanteil nach vorne zu bringen ist nun sicherlich erfüllt, doch wir müssen auch zugeben, dass der Sound insgesamt nun extrem undefiniert daher kommt (man höre sich nur mal an was links von der HiHat geschieht…). Das ist mit Sicherheit nicht unser Ziel.

Wie können wir also den Raumanteil nach vorne bringen ohne beim Schlagzeug Druck zu verlieren? Indem wir unseren Kopf einschalten natürlich und das beste aus beiden Welten nehmen. Dies geschieht mit... 

Parallel Compression!

Exciter compression

Die Exciter Compression wurde von Lawrence Horn in einem Studio in Detroit erfunden. Bei dieser Art der Bearbeitung wird das Signal in zwei Kanäle aufgeteilt: Einem Kanal wird ein wenig EQ und Reverb hinzugefügt während der andere extrem komprimiert und in den Höhen stark angehoben wird. Zusammen erhält man so ein Signal mit Hallanteil dass dank seiner hohen Frequenzanteilen immer noch sehr klar ist.

Parallel Compression wurde im Big Apple erfunden, weshalb diese Methode teilweise auch 'New York Compression' genannt wird. Inspiriert durch die 'Exciter Compression' aus den Zeiten des Motown (s. Box) werden hier zwei Kopien derselben Spur miteinander gemixt - die zweite davon jeweils extrem komprimiert. Diese Methode ist bei modernen Kompressoren (Hardware oder Software) wesentlich einfacher zu realisieren, da diese Funktion heutzutage häufig mit eingebaut ist. Ihr müsst also nur Kompressor aufrufen und diesen Effekt mit dem Dry/Wet Regler einpegeln um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Der Nachteil davon ist, dass uns das komprimierte Signal nun nicht mehr in einer separaten Spur zur Verfügung steht und weitere Bearbeitungsmöglichkeiten aussen vor bleiben.  

Hören wir uns mal an, wie unser Beispiel mit Parallel Compression tönt:

00:0000:00

Gar nicht schlecht. Auf diese Weise profitieren wir von den Vorteilen der Überkomprimierung während die Attack Werte dank der unbehandelten Spur gleich bleiben.

Natürlich hält Euch nichts davon ab Parallel Compression nur auf Euren 'Room' Spuren zu verwenden - hier entscheidet nur der Klang.Oder vielleicht möchte man nur die Snare. Ich denke Ihr versteht worauf ich hinaus will und findet vielleicht auch Anwendungen die nichts mit dem Schlagzeug zu tun haben…

Hört Euch dieses Beispiel an wo wir das Schlagzeug mit Parallel Distortion bearbeiten:

00:0000:00
00:0000:00

Wie immer könnt Ihr hier die verschiedensten Dinge ausprobieren. Falls Ihr einen Kompressor benötigt der fast am Anschlag zur Distortion ist solltet Ihr Euch mal den Devil-Loc Deluxe von Soundtoys anhören!.

Mixing Drums

Auch wenn Euch der Dry/Wet Regler auf dem Kompressor ein schnelles Ergebnis ermöglicht, so solltet Ihr stets die Vorteile von zwei separaten Spuren im Hinterkopf behalten. Ihr wollt die Bässe bei der überkomprimierten Spur abschneiden? Kein Problem. Ihr wollt diese Spur in ein Delay oder Reverb schicken? Auch kein Problem. So etwas ist jedoch mit einem einfachen Dry/Wet Regler nicht machbar.

Nun gut, Eure Schlagzeugaufnahme tönt nun grösser - aber tönt sie auch fetter? Nun hier hören wir uns wieder einmal When the levee breaks an, da Andy hier einen weiteren Trick verwendete um das Schlagzeug noch grösser zu machen: Er verlangsamte das Band während des Mixdowns.

Hey man, slow down!

Mixing Drums

Wenn wir die Abspielgeschwindigkeit eines Bandes reduzieren erzeugen wir denselben Effekt wie wenn wir z.B. eine Schallplatte langsamer ablaufen lassen: Das Tempo wird zum einen langsamer, aber auch die Tonhöhe wird reduziert. Dies resultiert in einem tieferen Sound der sich schwerer anfühlt, da ja auch die Attacks langsamer und somit fetter wiedergegeben werden. Genau diese Technik kommt bei Bonham's Drums zum Einsatz.

Ihr könnt diesen Effekt mit einem beliebigen Audio Editor reproduzieren ohne dass dabei eine Bandmaschine zur Hilfe genommen werden muss. Ihr müsst dazu nur das Tempo des Songs um 10 BPM strecken und dabei beachten, dass die Software nicht auf derselben Tonhöhe bleibt. Auch wenn dieser Trick sehr einfach ist, so ist er doch sehr effektiv. Hört Euch dazu folgendes Beispiel an wo unser Loop bei 0.86 der normalen Geschwindigkeit abgespielt wird (wir verwenden hier den exzellenten Algorithmus von Izotope RX):

00:0000:00

Dieser Trick gibt einem eindeutige Resultate bei Drum Hits, neigt aber dazu bei den Becken gewisse Probleme zu erzeugen. Ihr solltet hier vorsichtig sein und versuchen unschöne Artefakte zu vermeiden.

Das andere Problem ist dass Ihr bereits im Vorfeld einen Plan haben müsst: Ihr müsst also die Drums 10 BPM schneller als das effektive Projekt aufnehmen um nachher das richtige Tempo zu erreichen. Doch das sollte eigentlich nicht zu kompliziert sein.

Eine Menge grossartiger Trip Hop Grooves wurde durch diese Technik realisiert, während bei Drum'n'Bass Beats die Loops häufig zwei bis drei Mal schneller abgespielt werden.

Natürlich hält Euch nichts davon ab eine oder mehrere dieser Techniken mit einander zu kombinieren. Hört Euch mal an was wir mit dem Drum Beat vom Anfang alles anstellen können: Zuerst ohne Bearbeitung, dann mit komprimierten Room Mikrofonen und alles ein wenig langsamer abgespielt:

00:0000:00

Somit endet dieser erste Artikel, doch wir werden in den kommenden Monaten noch einige weitere Bereiche anschauen. Fangt also bitte noch nicht damit Layering, Gated Reverbs oder Transient Designer in den Kommentaren zu diskutieren, denn darauf werden wir sicherlich bald schon eingehen.

Sind Sie der erste, der auf diesen Artikel reagiert
  • Like
  • Tweet
  • +1
  • Pin it
  • Mail